Der Wasserstoff-Hype ist vorbei: Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit

Experteninterview – 18. Juni 2026

Zu wenig Tempo bei der Gesetzgebung, zu wenige sichtbare Erfolgsprojekte und eine wachsende Zahl von Insolvenzen – nach dem Hype folgte die Ernüchterung. Doch für Andreas Kuhlmann ist das noch lange nicht das Ende der Wasserstoffgeschichte. Im Gegenteil: Der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Wasserstoff-Verbands (DWV) sieht die Branche an einem neuen Wendepunkt.

Im Interview erklärt er, welche politischen Weichenstellungen jetzt nötig sind, wann sich die Voraussetzungen für neue Investitionen verbessern können und warum eine stärkere Bündelung der Branche entscheidend für den Erfolg des Wasserstoffhochlaufs sein wird.

Der Wasserstoffhochlauf bleibt bisher hinter den Erwartungen zurück. Wie bewerten Sie die aktuellen Entwicklungen, und welche Perspektiven sehen Sie für die kommenden Jahre?

Ich bin der Meinung, dass wir gerade wieder an einem gewissen Wendepunkt stehen. Vor einigen Jahren hat der Wasserstoffbereich einen enormen Hype erlebt, und das aus guten Gründen: Es ist inzwischen unbestritten, dass wir unsere Klimaziele ohne Wasserstoff nicht erreichen werden. Wer heute in der Politik behauptet, Wasserstoff sei nicht entscheidend, behauptet damit, dass wir die Klimaziele nicht erreichen werden.
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Wir erkennen zunehmend, wie wichtig es ist, den Industriestandort Deutschland zu stärken, Zukunftstechnologien zu etablieren und die Energieversorgung resilienter aufzustellen. Die Argumente für einen konsequenten Wasserstoffhochlauf haben sich damit eher noch verstärkt.

Allerdings war der frühere Hype von sehr hohen Erwartungen geprägt, die zwangsläufig zu einer Phase der Ernüchterung geführt haben. Diese Phase scheint mir nun langsam überwunden und es entsteht wieder mehr Stabilität, sodass die Grundlagen für den nächsten Entwicklungsschub gelegt werden können. Ich bin überzeugt, dass die kommenden Jahre deutlich positivere Dynamik bringen werden.

Welche Maßnahmen können dazu beitragen, die Wasserstoffwirtschaft für Investoren attraktiver zu machen?

Grundsätzlich ist die Lage weniger negativ, als sie oft dargestellt wird – es bewegt sich bereits einiges: Mit der Treibhausgasquote und der Umsetzung der Erneuerbare-Energien-Richtlinie III (RED III) im Verkehrssektor wurden echte Anreizsysteme geschaffen, die insbesondere den Ausbau der Elektrolyse unterstützen sollen. Das ist ein wichtiger Schritt und wird auch spürbare Wirkung entfalten.

Hinzu kommt, dass in vielen Städten, die nach klimafreundlichen Antriebslösungen für Busse und Lkw suchen, zunehmend deutlich wird, dass reine Elektrifizierung über Stromnetze nicht immer problemlos umsetzbar ist. In diesen Fällen gewinnt Wasserstoff wieder an Attraktivität für immer mehr Regionen. Sobald dort erste Elektrolyseanlagen entstehen, eröffnet sich die Möglichkeit, die lokale Industrie einzubinden und beispielsweise über Anschlussleitungen am entstehenden Kernnetz teilzunehmen.

Bei diesen neuen Prozessen und Technologien müssen Banken und Finanzierer zuerst verstehen können, wie solche Geschäftsmodelle funktionieren. Solange diese Strukturen noch nicht etabliert sind, bleibt es für Investoren herausfordernd.

Entscheidend dafür sind bessere regulatorische Rahmenbedingungen, insbesondere auf EU-Ebene. Hierbei übt die Bundesregierung in Brüssel aus Sicht mancher Akteure nicht ausreichend Druck aus, um zeitnah verlässliche und praxistaugliche Regelungen zu erreichen.

Warum wird nicht mehr Druck auf die Europapolitik ausgeübt?

Die Wasserstoffbranche weist seit Langem darauf hin, dass die derzeitigen europäischen Kriterien für die Wasserstoffproduktion zu komplex ausgestaltet sind und sich in der Praxis oft nur schwer umsetzen lassen.
Der DWV selbst setzt sich auf nationaler und europäischer Ebene für bessere Rahmenbedingungen ein. Gerade regulatorische Anpassungen können einen entscheidenden Beitrag dazu leisten, die Kosten für Wasserstoff zu senken und Investitionen anzureizen. Dabei bringt der Verband seine technische Expertise in politische Entscheidungsprozesse ein und liefert wichtige Impulse für die Ausgestaltung von Gesetzen.

Im Dialog mit der Politik vertreten wir als Verband bewusst die gesamte Wasserstoff-Wertschöpfungskette. Während andere Akteure häufig einzelne Teilaspekte in den Mittelpunkt stellen – etwa die Perspektive der Energiewirtschaft, der Netzbetreiber oder bestimmter Industriebranchen –, bündelt der DWV die unterschiedlichen Interessen zu einem übergreifenden Gesamtbild. Gerade diese sektorübergreifende Sichtweise macht den Verband zu einem geschätzten Ansprechpartner in der politischen Debatte.
Unser Ansatz zeigt Wirkung: unter anderem haben wir die Umsetzung der europäischen RED-III-Vorgaben im Verkehrssektor sowie die Einführung spezifischer Wasserstoff-Unterquoten politisch begleitet.

Für einen erfolgreichen Wasserstoffhochlauf müssen mehrere Rahmenbedingungen ineinandergreifen. Eine zentrale Voraussetzung sind praxistaugliche europäische Produktionskriterien für grünen Wasserstoff. Die aktuellen Vorgaben gelten vielerorts als zu komplex und erschweren eine wirtschaftliche Produktion. Was wir brauchen, sind Anpassungen auf EU-Ebene, um grünen Wasserstoff schneller und kostengünstiger verfügbar zu machen.

Ebenso wichtig ist Investitionssicherheit. Unternehmen müssen darauf vertrauen können, dass Wasserstoff, der heute als grün zertifiziert wird, diesen Status auch langfristig behält. Verlässliche Regelungen, etwa durch sogenannte Grandfathering-Verfahren, schaffen die notwendige Planungssicherheit für langfristige Investitionen.

Darüber hinaus sollte die Politik darauf achten, dass die Unterstützung bestehender Industrien nicht zulasten neuer klimafreundlicher Technologien geht. Wer den Industriestandort langfristig stärken will, muss nicht nur bestehende Strukturen absichern, sondern ebenso konsequent in Unternehmen investieren, die bereits heute auf grüne Technologien und Wasserstoff setzen.

Entscheidend ist dabei ein realistischer Blick auf die Energiewende: Batteriespeicher werden eine wichtige Rolle spielen, sie allein werden jedoch nicht ausreichen. Für das Erreichen der Klimaziele wird Wasserstoff in zahlreichen Bereichen – von der Industrie über den Verkehr bis hin zum Energiesystem – eine unverzichtbare Rolle einnehmen. Wer das nicht versteht, möchte nur Geld machen.

Was wollen Sie in Ihrem neuen Amt als Vorstandsvorsitzender im DWV verbessern?

In meinem neuen Amt als Vorstandsvorsitzender möchte ich dazu beitragen, die Grundstimmung in der Branche zu verbessern und die verschiedenen Akteure noch stärker miteinander zu vernetzen. Gerade zwischen Stadtwerken und Wasserstoffprojektierern gibt es zahlreiche technische Fragestellungen und gemeinsame Herausforderungen. Hier stellt sich die Frage, warum bislang keine zentrale Plattform existiert, auf der ein solcher Austausch systematisch stattfinden kann. Diesen Ansatz möchte ich gemeinsam mit dem Verband prüfen und weiterentwickeln.

Darüber hinaus halte ich es für wichtig, den Wasserstoffhochlauf nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre neu zu definieren. Die erste Phase war von großer Dynamik und hohen Erwartungen geprägt. Jetzt ist es nun an der Zeit, eine realistische Bestandsaufnahme vorzunehmen, den aktuellen Status quo zu bewerten und auf dieser Grundlage in eine zweite Phase des Hochlaufs einzutreten.

Für diese nächste Entwicklungsstufe möchte ich möglichst viele Unternehmen unter dem Dach des DWV zusammenbringen und sie aktiv in die weitere Gestaltung einbinden. Eine der größten Herausforderungen der Branche ist derzeit ihre Fragmentierung. Es gibt eine Vielzahl von Akteuren, die sich zum Thema Wasserstoff äußern und eigene Interessen vertreten, doch die Kräfte sind noch nicht ausreichend gebündelt. Genau hier kann der DWV eine zentrale Rolle übernehmen: als Plattform, die unterschiedliche Perspektiven zusammenführt, gemeinsame Positionen entwickelt und der Branche eine stärkere, geschlossene Stimme verleiht.

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