„Der Netzausbau ist nicht die Lösung für alle Probleme“

Experteninterview – 22. April 2026

Ist der Netzausbau wirklich der entscheidende Hebel für den Ausbau von Batteriespeichern in Deutschland? Florian Antwerpen, Geschäftsführer von Kyon Energy, einem Projektentwickler und Betreiber großer Standalone-Speicherprojekte, sieht das differenzierter.

Im Interview erklärt er, warum Speicher eine Schlüsselrolle für sinkende Strompreise und Versorgungssicherheit spielen, welche regulatorischen Hürden den Ausbau derzeit bremsen und weshalb mehr Flexibilität statt reinem Netzausbau entscheidend für das Gelingen der Energiewende ist.

Florian Antwerpen: Vor etwa fünf Jahren waren in Deutschland stationäre Großbatteriespeicher im Sinne von Kraftwerkslösungen noch weitgehend unüblich. Viele Marktteilnehmer haben damals noch nicht an ein tragfähiges Geschäftsmodell geglaubt. Wir von Kyon Energy waren jedoch von Anfang an überzeugt, dass solche Projekte aus energiewirtschaftlicher Sicht notwendig sind. Auf dieser Überzeugung basierend wurde Kyon Energy gegründet – zu einem Zeitpunkt, als sich der Markt noch ganz am Anfang befand. Auch wenn Kyon Energy damit ein junges Unternehmen ist, sind wir in den vergangenen Jahren stark gewachsen und haben uns zu einem der führenden Anbieter im Bereich Bau und Betrieb stationärer Batteriespeicher entwickelt.

Florian Antwerpen: Als Entwickler und Betreiber unserer Speicherprojekte bedeutet das auch, dass wir geeignete Standorte finden, die Flächen erwerben, den Netzanschluss sichern, die erforderlichen Baugenehmigungen einholen und uns um die Finanzierung kümmern. Aktuell haben wir rund 1,2 Gigawatt an Speicherkapazität im Bau. Ein Großteil davon sind eigene Projekte, ein kleinerer Teil entfällt auf Anlagen, die wir an Dritte verkauft haben und noch fertigstellen. Insgesamt begleiten wir die Projekte von der ersten Idee auf der Wiese bis zum Ende ihrer Lebensdauer und halten sie in der Regel auch im eigenen Portfolio.

Wir verfolgen dabei ein sogenanntes „Integrated Power Strategy“. Das bedeutet, dass wir nicht nur Strom an der Börse verkaufen, sondern auch einkaufen und gleichzeitig die gesamte Wertschöpfungskette der Batteriegroßspeicher abdecken – von der Projektentwicklung über den Bau bis hin zum Betrieb und zur Vermarktung. Auf dieser Grundlage verstehen wir uns als unabhängiger Anbieter von Flexibilität im Energiemarkt.

Florian Antwerpen: Aktuell beschäftigen mich vor allem regulatorische Unsicherheiten. Im Baurecht wurde die Privilegierung von Batteriespeichern im Außenbereich zuletzt stark eingeschränkt: Anlagen sind nur noch im Umkreis von 200 Metern um Umspannwerke privilegiert. Das ist aus unserer Sicht nicht zielführend, da diese Flächen für den Netzausbau benötigt werden und somit Nutzungskonflikte entstehen, obwohl eigentlich eine enge Zusammenarbeit zwischen Netz- und Speicherinfrastruktur erforderlich wäre.

Eine weitere zentrale Unsicherheit betrifft die zukünftige Netzentgeltregulierung. Die derzeitige Befreiung gilt nach § 18 EnWG nur für Batteriespeicher, die bis zum 4. August 2029 in Betrieb gehen; diese Befreiung gilt dann für 20 Jahre. Aktuell wird jedoch im Rahmen von Reformüberlegungen der Bundesnetzagentur diskutiert, wie die Regelung nach diesem Stichtag ausgestaltet wird.

Projektentwicklung und Bau dauern aber mehr als drei Jahre, sodass neue Projekte diesen Stichtag kaum noch erreichen können. Aufgrund dieser langen Vorlaufzeiten und der unklaren regulatorischen Perspektive ist die Entwicklung neuer Projekte derzeit mit erheblichen Risiken verbunden. In der Konsequenz investieren wir aktuell nur sehr eingeschränkt in die Entwicklung neuer Projekte, da die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu unsicher sind.

Florian Antwerpen: Die Abschaffung der KraftNAV und die Einführung des Reifegradverfahrens waren grundsätzlich sinnvoll, da sie auf veränderte Rahmenbedingungen reagieren. Allerdings gibt es bisher nur ein neues Verfahren für Projekte im Übertragungsnetz und dieses verschiebt die Einflussmöglichkeiten stärker zu den Gunsten der Netzbetreiber. Das passt zu einer allgemeinen Tendenz in der aktuellen Legislaturperiode, in der die Stimme der Netzbetreiber und großen Energieversorger besonders stark berücksichtigt wird.

Dabei muss man zwischen Übertragungs- und Verteilnetzbetreibern unterscheiden: Während Erstere technisch gut aufgestellt sind und mit komplexen Problemstellungen aus meiner Sicht gut umgehen können, stehen viele Verteilnetzbetreiber unter hohem Druck. Sie betreuen sehr viele Endkunden, darunter zahlreiche Privathaushalte, und sind in vielen Bereichen überlastet. Aus meiner Sicht fehlt teilweise noch das Verständnis dafür, eine zentrale Rolle für die nachhaltige Energieversorgung einzunehmen. Dabei ist klar: Ohne gut aufgestellte Verteilnetzbetreiber wird es keine nachhaltige, kostengünstige und zukunftssichere Energieversorgung geben.

Florian Antwerpen: In der politischen Diskussion wird häufig der Netzausbau als zentrale Lösung dargestellt. Der Netzausbau ist aber teuer, dauert lange, ist kostenintensiv und nicht immer effizient. Natürlich ist ein gewisser Ausbau notwendig, aber nicht alle Probleme lassen sich darüber lösen. Stattdessen sehe ich großes Potenzial in der besseren Integration von Erzeugungsanlagen, in der Nutzung von Flexibilitäten und in der Einbindung von Speichern.

Ein zentrales Problem ist der geringe Smart-Meter-Ausbau. Aktuell verfügen nur etwa fünf Prozent der Endverbraucher über entsprechende Systeme. Ohne diese Infrastruktur fehlen die notwendigen Daten und Preissignale, um Flexibilitäten wie Wärmepumpen oder Elektrofahrzeuge gezielt zu steuern. Damit bleiben große Flexibilitätspotenziale im Netz ungenutzt.

Ich habe außerdem den Eindruck, dass Speicheranlagen von der Politik nicht immer als wichtiger Bestandteil eines flexiblen Energiesystems wahrgenommen werden. Hier braucht es ein Umdenken: Redispatch-Maßnahmen sollten besser geplant werden, und es ist notwendig, die Vorgänge in den Verteilnetzen insgesamt besser zu verstehen. Gleichzeitig wünsche ich mir, dass Verteilnetzbetreiber stärker gefordert und gezielter incentiviert werden, z.B. in dem sie an Redispatchkosten beteiligt werden, wenn sie Flexibilitäten im Netz nicht ausreichend nutzen, um diese zu verhindern.

Darüber hinaus kann man beobachten, dass aktuelle regulatorische Diskussionen bestehende Geschäftsmodelle für Batteriespeicher infrage stellen. Obwohl die Mehrheit der Projekte privatwirtschaftlich finanziert wird, führt die fehlende regulatorische Stabilität zu Unsicherheit und langwierigen Debatten, was Investitionen ausbremsen kann. Hier wünsche ich mir von der Politik mehr Stabilität.

Dabei geht es nicht nur um die Interessen der Speicherbetreiber. Der Ausbau von Flexibilität liegt im Interesse des gesamten Energiemarktes. Wenn verschiedene Flexibilitätsoptionen stärker integriert werden und miteinander konkurrieren, kann das zu deutlich sinkenden Strompreisen führen. Das ist ein entscheidender Vorteil, da hohe und volatile Energiepreise sowohl Unternehmen als auch private Haushalte stark belasten. Deshalb halte ich den Ausbau von Speichern und Flexibilitäten für einen zentralen Baustein einer zukunftsfähigen Energieversorgung.

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